Projekt des Monats Oktober

 

Radio Globale

Zugewanderte und einheimische Oldenburger*innen gestalten gemeinsam Sendungen im Radio und TV. Ein globales Team beschäftigt sich mit global-lokalen Themen und globalen Sounds. Das mit dem Oldenburger Integrationspreis ausgezeichnete Projekt zeigt, wie mediale Integration funktioniert und warum alle Seiten davon profitieren.

Als lokaler Bürgersender versteht sich Oldenburg Eins (oeins) als Kommunikator im lokalen Raum. Eine seiner Aufgaben besteht darin, Menschen aus verschiedenen Lebenszusammenhängen, sozio-kulturellen Milieus und Herkunftsländern miteinander ins Gespräch zu bringen. In diesem Sinne rief Dörthe Bührmann, Frau der ersten Stunde beim Oldenburger Lokalsender und seit über 20 Jahren dort tätig, 2016 das Projekt Radio Globale ins Leben.

In dem vom BAMF (BMI) über drei Jahre geförderten Projekt wurde eine interkulturelle Redaktionsgruppe mit Menschen, die erst kurz oder schon lange in Oldenburg leben aufgebaut, um gemeinsam Sendungen zu entwickeln und umzusetzen. Auch wenn die Förderung nun ausgelaufen ist, wird diese mediale Zusammenarbeit durch die Unterstützung von Oldenburger Stiftungen und der Stadt Oldenburg weiter fortgesetzt .

Anfangs wurde das Projekt stark bei den Integrationskursen und Bildungsträgern vor Ort beworben. Es entwickelte sich schnell ein Schneeballverfahren, in dessen Zuge sich zahlreiche Migrant*innen sowie Beheimatete für das Projekt begeisterten. Nach und nach fand sich eine Redaktionsgruppe zusammen, die einmal wöchentlich zu einem Redaktionstreffen zusammenkommt. Inzwischen besteht die Redaktionsgruppe aus 10-20 Personen, die heterogener nicht sein könnte: Die eine Hälfte der Teilnehmenden sind Muttersprachler*innen aus Oldenburg, die andere Hälfte kommt aus aller Welt. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen, das Team altersdurchmischt: Vom jungen Erwachsenen bis zum Rentenalter ist alles vertreten. Eine ihrer Gemeinsamkeiten ist die Musik. So ist der Grundgedanke des Projekts über Musik, die die Migrant*innen mitbringen, eine Brücke zu schlagen. Sie biete dafür sehr großes Potential, so die Projektleiterin Dörthe Bührmann, weil Musik etwas sehr Emotionales sei und eine Verbindung zu den Heimatländern darstelle: „Das Projekt Radio Globale ist mir daher sehr wichtig. Unsere Gesellschaft hat neue Herausforderungen und ich finde, wir als Bürgermedien können unseren Beitrag dazu leisten, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt mehr gestärkt wird und wir einer möglichen Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken.“ Bürgersender bieten die Möglichkeit, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst weniger oder nicht zu Wort kommen oder über die nur geredet wird. Mit Radio Globale hat Dörthe Bührmann daher eine Möglichkeit der medialen Integration geschaffen: „Medien sind ja nichts anderes als Integration. Sollten sie auf jeden Fall sein und möglichst viele unterschiedliche Perspektiven vorkommen lassen.“

Wie sehen die wöchentlichen Redaktionstreffen aus? Um das Team „radio- und tv-fit“ zu machen, wurden zu Beginn Grundlagenkenntnisse – z.B. zu Medien-Technik, Moderation, Aufbau einer Sendung usw. – vermittelt. Die wöchentlichen Redaktionstreffen sind das Kreativzentrum von Radio Globale. Sie sind die inhaltliche und planerische Schaltstelle. Hier werden Ideen gesammelt und abgestimmt. Hier werden die journalistischen Vorhaben geplant und die Termine koordiniert. Die Gestaltung und Umsetzung der Sendungen werden besprochen und Unterstützungsbedarfe kommuniziert. In der Regel bilden sich dabei immer wieder neu zusammengesetzte Produktions-Teams, die dann – je nach Thema und Sendung – miteinander losziehen.

Produziert werden sowohl Radio- als auch Fernsehsendungen. Häufig werden Gesprächsgäste oder Musiker*innen aus aller Welt in das Studio eingeladen. Fürs Fernsehen bilden sich zumeist Zweier-Teams für Kamera und Interview, um z.B. Umfragen in der Oldenburger Innenstadt durchzuführen. Hier ergeben sich Synergieeffekte, so dass TV-O-Töne auch für die Radiosendungen genutzt werden können. Ein weiterer Synergieeffekt ist der Aufbau eines globalen Musik-Pools mit inzwischen weit über 1.000 Titeln aus 5 Kontinenten. Hier wird die Musik aus den Radio Globale-Sendungen sowie die, die die Gäste mitbringen, gesammelt und in der langen Globalen Radio-Nacht jeden Mittwoch von 21.00 bis 05.00 Uhr im oeins-Radioprogramm gespielt.

Die Akquise der Teilnehmenden, die inhaltliche Koordinierung und die Erstellung des Sendeplans ist Aufgabe von Dörthe Bührmann, die das Projekt mit großem Engagement und Freude leitet. Sie bereitet einen Terminüberblick über aktuelle Veranstaltungen in Oldenburg und umzu vor und ist Impulsgeberin für neue Themen und Ideen. Selbstverständlich, so erklärt Dörthe Bührmann, „bringen die Redaktionsmitglieder auch eigene Interessen und neue Themen ein. Das macht es aus. Es ermöglicht neue Perspektiven, weil die unterschiedlichen Menschen Zugänge zu ihren eigenen Communities haben. Sie machen z.B. Vorschläge, welche Feste man besuchen oder wen man als Gesprächsgast einladen könnte.“ So berichtete ein Produktionsteam über das sogenannte Zuckerfest, das das Ende des Fastenmonats Ramadan einläutet.

Neben Dörthe Bührmann engagieren sich fünf weitere Teamer*innen aus dem Haus für Radio Globale, indem sie medienpädagogischen sowie technischen Support anbieten, so z.B. beim Schnitt der Kameraaufnahmen. Dörthe Bührmann hält die medienpädagogische Begleitung für besonders wichtig: „Sie gibt einfach mehr Sicherheit – nicht nur für die nicht-muttersprachlichen, sondern auch für die einheimischen Menschen. Für diese ist es häufig genauso Neuland das mediale und journalistische Handwerkszeug zu erlernen. Von daher ist es für alle Beteiligten eine gleichberechtigte Lernerfahrung.“ Auch diese Gemeinsamkeit unterstreicht, dass die Begegnungen und die Zusammenarbeit bei Radio Globale auf Augenhöhe stattfinden.

Aber Radio Globale kann noch mehr! Was bietet das Projekt noch? Neben der interkulturellen Zusammenarbeit innerhalb des Redaktionsteams, ermöglicht die aktive Medienteilhabe über Radio- und Fernsehbeiträge vor allem auch interkulturelle Begegnungen und Kommunikation in der Stadt Oldenburg. So bietet journalistische Arbeit Anlass und Legitimation, sich unterschiedliche Zusammenhänge der Stadt anzusehen, Umfragen durchzuführen, Interviews anzufragen, Gesprächsgäste einzuladen und mit diesen in den Austausch zu treten. Umgekehrt erhält auch die einheimische Oldenburger Bevölkerung mehr Zugang zu migrantischen Zusammenhängen, die sonst nicht so authentisch und öffentlich thematisiert werden. So kann vermehrt für interkulturelle Themen sensibilisiert und Oldenburg als bunte Stadt präsentiert und verstanden werden. Ein wichtiger Effekt kann dabei die Aufhebung von Medien-Klischees, Stereotypen und Vorurteilen sein. Ein Beispiel dafür ist F.. Die selbstbewusste junge Frau stammt aus Syrien und trägt Kopftuch. Führt sie mit dem Mikrofon in der Hand – die Kameraperson an ihrer Seite – in der Innenstadt z.B. Umfragen zu Frauenrechten am internationalen Frauentag durch, ist einigen Menschen die Irritation ins Gesicht geschrieben.

Last but not least schult Radio Globale die Sprach- sowie Medienkompetenz. Die Sendungen und die Vorbereitungen finden konsequent auf Deutsch statt. Dies fördert nicht nur die Sprachpraxis sondern auch die eigene Mitteilungskompetenz: Wie formuliere ich in einen Beitrag? Was möchte ich mitteilen? Neben der journalistischen und mediengestalterischen Partizipation stärkt Radio Globale zudem den kritischen Umgang mit Medien und der Internetnutzung.

Nachdem die Förderung des BAMF ausläuft, freut sich Dörthe Bührmann, dass sie zur Fortsetzung der Redaktionsgruppe weitere Geldmittel akquirieren konnte. So fördern die Stadt Oldenburg, die Oldenburger Bürgerstiftung, die EWE-Stiftung, die OLB-Stiftung und die Akademie der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg bis Mitte 2020 gemeinsam das erfolgreiche interkulturelle Projekt. Das Folgeprojekt trägt den Untertitel „Integration durch gemeinsame Werte – 70 Jahre Grundgesetz“ und wird sich primär mit den ersten fünf Artikeln unseres Grundgesetzes beschäftigen. Radio Globale ist weiterhin als offener Treffpunkt gestaltet, bei dem neue Interessierte jederzeit herzlich willkommen sind.

Dörthe Bührmann resümiert: „Für mich hat es viele neue Erfahrungen gebracht. Es ist zu unterstreichen, wie wichtig eine offene journalistische Medienarbeit aus verschiedenen Perspektiven ist. Es ist eine tolle Möglichkeit für den Zugang zu den unterschiedlichen Alltags- und Lebenswelten einer Stadt, um diese vor- und darzustellen sowie in Kontakt zu gehen. Dabei geht es nicht nur um die Radio Globale-Redaktionsgruppe. Es hat ja auch eine Bedeutung für die Leute, die in den Beiträgen vorkommen oder sich diese anschauen oder anhören. Das finde ich sehr schön. Es ist ein Stück Sichtbarmachen und Hörbarmachen von verschiedenen multikulturellen Milieus in unserer Stadt. Das wertet auf und das macht stolz.“

 

Kontakt:

Dörthe Bührmann (Projektleitung), buehrmann@oeins.de oder Tel.: 0441 21888-11

Für weitere Informationen über Radio Globale besuchen Sie gerne die Projekt-Website, hören in die Radio-Sendungen auf OEINS 106.5 oder folgen dem Projekt auf Facebook oder YouTube.